Auch Kontaktpersonen müssen schnell in Quarantäne 

32
Prof. Hanisch, hier in einem Interview. (Foto: LPR)

Der frühere Langener Chefarzt Ernst Hanisch engagiert sich beim Kreis gegen das Corona-Virus/Vorgaben genau beachten

-Anzeigen-

Kreis Offenbach (red) Wie ein Detektiv, der auf den Spuren von Sherlock Holmes oder Hercule Poirot wandelt: So kommt sich Professor Ernst Hanisch in diesen Tagen häufig vor. Überall in Deutschland stiegen die Zahlen der mit dem Corona-Virus infizierten Menschen in den vergangenen Wochen rapide an. Auch im Kreis Offenbach lag die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner deutlich oberhalb der Marke von 200. Der Kreis galt damit bis vor wenigen Tagen als Risikogebiet; die Bewohner mussten eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr einhalten.

Die Verbreitungswege des Virus möglichst exakt aufzuspüren und zu vermeiden, dass sich weitere Menschen anstecken – mit dieser Aufgabe sieht sich derzeit das Gesundheitsamt des Kreises konfrontiert. Hanisch, früherer Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Endokrine Chirurgie der Asklepios Klinik Langen, unterstützt die Behörde dabei, der Corona-Pandemie nach Kräften Einhalt zu gebieten. Vor zwei Jahren trat der 67 Jahre alte Mediziner in den Ruhestand. Viel Ruhe gönnt er sich aber nicht: Inzwischen sitzt er regelmäßig an seinem Arbeitsplatz im Gefahrenabwehr- und Gesundheitszentrum des Kreises in Dietzenbach. Seine medizinische Fachkompetenz stellt Hanisch dem Corona-Team des Kreises zur Verfügung.

Wenn ein Bewohner des Kreises sich einem Corona-Test unterzieht und das Ergebnis positiv ausfällt, informieren die Labors automatisch das Kreis-Gesundheitsamt. Dann sind Hanisch und die anderen Mitarbeiter gefragt: Telefonisch nehmen sie Kontakt zu den infizierten Personen auf und schicken sie in eine vierzehntägige Quarantäne. Bei dem Gespräch wird auch gefragt, ob die Betroffenen wissen, wo sie sich angesteckt haben könnten. „Die meisten wissen es nicht“, sagte Hanisch. Abgefragt werden die aufgetretenen Corona-Symptome, aber auch Angaben dazu, wo die infizierten Menschen arbeiten und wer mit ihnen im gleichen Haushalt lebt. In Hessen müssen sich Mitbewohner, etwa Ehepartner, Kinder und Großeltern, ebenfalls sofort in Quarantäne begeben.

Ebenso wichtig ist, von Kontaktpersonen außerhalb des eigenen Hausstands zu erfahren, mit denen der Infizierte in den zurückliegenden Tagen persönlich zu tun hatte. Vorgesehen ist, dass auch sie vom Gesundheitsamt angerufen werden. Infizierte Menschen, aber auch die Kontaktpersonen erwarteten, ein intensives Beratungsgespräch führen zu können. Diesem Anspruch könne man derzeit nur in Ansätzen gerecht werden, sagte Hanisch. Ausnahmen sind immer wieder möglich: Eine Kollegin habe jüngst mit einem alleinerziehenden Vater, dessen beide Kinder positiv getestet wurden, gute zwei Stunden telefoniert. Häufig sei es schwierig, alle in Frage kommenden Kontaktpersonen eines Infizierten ausfindig zu machen und sie telefonisch zu erreichen. Überhaupt seien manchmal detektivisch anmutende Nachforschungen nötig, ehe man eine Telefonnummer recherchiert habe. Hier eifert das gesamte Team dann tatsächlich Sherlock Holmes und Hercule Poirot nach.

Auf dem Parkplatz des Gefahrenabwehr- und Gesundheitszentrums an der Gottlieb-Daimler-Straße ließ der Kreis einen dreigeschossigen Containerblock aufstellen. Weil sich die Zahl der Infizierten in den vergangenen Wochen stetig erhöhte, zeigte sich schnell, dass das Personal des Gesundheitsamts allein die Kontakte nicht mehr nachverfolgen konnte. Daher wurden 40 zusätzliche Stellen ausgeschrieben, die sich aber weitaus mehr Personen teilen: Viele Helfer sind nur in Teilzeit oder stundenweise tätig. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts, aber auch Beschäftigte aus anderen Abteilungen der Kreisverwaltung, dazu Freiwillige wie Hanisch und Soldaten der Bundeswehr stellen sich gemeinsam der Aufgabe, die betroffenen Menschen aus den 13 Kreiskommunen möglichst schnell anzurufen.

Die meisten Menschen, die positiv auf Corona getestet wurden, verhalten sich nach Angaben von Hanisch vorbildlich: Sie begeben sich sofort von selbst in die zweiwöchige Quarantäne, Für das Gesundheitsamt zähle vor allem ein sogenannter PCR-Test, bei dem mit einem Wattestäbchen ein Abstrich aus dem Mund-, Nasen oder Rachenraum vorgenommen wird. Ein positiv ausgefallener Antigen-Schnelltest müsse in der Regel durch einen PCR-Test bestätigt werden. Aus der Quarantäne werden die infizierten Menschen erst wieder entlassen, wenn die typischen Covid-Symptome – trockener Husten, Fieber, Gliederschmerzen, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen – in den letzten 48 Stunden der Zwei-Wochen-Frist nachhaltig abklingen oder verschwinden.

Mehr Sorge als die Infizierten bereiten Hanisch die sogenannten Kontaktpersonen. Die ließen sich in der Regel sofort testen und fühlten sich bei einem negativen Ergebnis sicher, so dass sie ihr gewohntes Leben weiterführten. Auf diese Weise trügen sie jedoch dazu bei, dass sich das Corona-Virus weiterverbreiten könne und sich möglicherweise weitere Menschen infizierten. Die Inkubationszeit des Virus betrage nämlich fünf oder sechs Tage. Kaum jemand wisse, dass sich auch alle Kontaktpersonen der Kategorie I sofort 14 Tage in Quarantäne begeben müssten. Ein negativer Test befreit zumindest in den ersten 10 Tagen nach letztem Kontakt mit einem Infizierten nicht von der Quarantäne, machte Hanisch deutlich. Zu dieser Kategorie gehört, wer sich länger als 15 Minuten in einem Abstand von weniger als eineinhalb Metern zu einem Infizierten aufhielt oder sich länger als 30 Minuten gemeinsam mit ihm in einem kleinen, schlecht belüfteten Raum befand. Wegen der längeren Inkubationszeit des Virus empfehle das Gesundheitsamt den Kontaktpersonen der Kategorie I, einen Test erst dann vornehmen zu lassen, wenn in der zweiwöchigen Quarantäne Corona-Symptome auftreten. Kontaktpersonen der Kategorie II bleibt die Quarantäne dagegen erspart. Dazu gehören Menschen, die sich weniger als 15 Minuten in größerer Entfernung als eineinhalb Meter zu einem Infizierten aufhielten. Diese Kontaktpersonen sollten jedoch darauf achten, ob sich bei ihnen Corona-Symptome bemerkbar machen.

Seit vier Monaten sei er in Sachen Corona für das Gesundheitsamt tätig, verriet Hanisch. Dort gebe es ein „richtig engagiertes Team“. Wegen der rasant steigenden Corona-Fallzahlen komme man auch mit den zusätzlichen Kräften aber nicht mehr hinterher, bei allen Kontaktpersonen der Kategorie I kurzfristig anzurufen. Sämtliche Mitarbeiter des Corona-Teams litten darunter, „dass wir es nicht adäquat schaffen, rechtzeitig mit den Leuten in Kontakt zu kommen“. Diese Menschen „gehen uns flächendeckend verloren“, befürchtet Hanisch.

Arbeitgeber, die den von Corona hervorgerufenen Ausfall ihrer Mitarbeiter beim Regierungspräsidium geltend machen wollen, benötigen dazu Bescheinigungen des Gesundheitsamts. Auch bei den schriftlichen Quarantäne-Anordnungen des Gesundheitsamts kommt es derzeit zu Verzögerungen. Nach Angaben von Hanisch reicht es daher aus, wenn der Arbeitgeber den positiven Laborbefund des jeweiligen Mitarbeiters dem Regierungspräsidium zukommen lässt. Auch für Menschen, die im gleichen Haushalt wie der Covid-Infizierte leben und sich in Quarantäne begeben müssen, genüge es, wenn der Arbeitgeber den positiven Laborbefund des Infizierten dem Regierungspräsidium zukommen lasse.

Hanisch warb dafür, sich in Sachen Corona nicht irgendwo zu informieren, sondern nur seriöse Quellen zu konsultieren und sich an die Vorgaben genauestens zu halten. Zu empfehlen seien etwa die Internetseiten des Robert-Koch-Instituts (www.rki.de). Auch die Hessische Landesregierung hat umfangreiche Informationen (auch in leichter Sprache) in das Internet gestellt. Darüber hinaus stellt das Bundesministerium für Gesundheit im Messenger- Dienst Telegram regelmäßig Informationen zur Verfügung. Daneben geben Tageszeitungen wertvolle Tipps auch in ihren Online-Portalen.